AUSSTELLUNGERÖFFNUNG: MINIMA NATURALIA

Was ist Natur? Mit unerschöpflicher künstlerischer Neugier und großer Klarheit lotet Akkela Dienstbier aus, wie aus kleinsten Elementen überwältigende Vielfalt und Schönheit entstehen.
In ihren Werken verbindet sie Pflanzenmaterial und Menschengemachtes, Wildwuchs und Ordnung. Unterschiedlichste Materialien und Techniken wirken zusammen, um in der ästhetischen Reduktion die
Essenz der Natur auf den Punkt zu bringen.
In der Zusammenschau mit bekannten und unbekannten Werken des Malerpaares Fritz und Hermine Overbeck entsteht ein vielfältiger und differenzierter Blick auf Natur und Landschaft – und darauf, was
es für unser Denken und Fühlen bedeutet, Natur immer neu und immer anders wahrzunehmen.
Eröffnung der Ausstellung
SO 22. März | 11.30 Uhr | KITO
Es spricht: Dr. Katja Pourshirazi, Leiterin des Overbeck-Museums
Die Künstlerin ist anwesend.
Künstlerinnengespräch
mit Akkela Dienstbier
SO 12. April | 11.30 Uhr
Führungen
mit Museumsleiterin Katja Pourshirazi
SO 10. Mai | 11.30 Uhr
SO 31. Mai | 11.30 Uhr (Finissage)
Eröffnungsrede | Dr. Katja Pourshirazi | 22. März 2026
Herzlich willkommen zur Ausstellung »Minima naturalia«. Ich dachte, ich mute Ihnen mal einen lateinischen Titel zu. Manche von Ihnen kennen vermutlich eher die »Minima moralia« von Theodor Adorno. Er schrieb in diesem Buch aus dem Jahr 1951 übrigens darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein und zu bleiben in einer kapitalistischen und faschistischen Gesellschaft. Ein hochaktuelles Thema, wenn man es bedenkt. Vielleicht sollten wir alle mal wieder Adorno lesen.
Der Begriff »Minima naturalia« ist tatsächlich bedeutend älter. Er stammt aus dem Mittelalter, geht aber auf Aristoteles und damit auf die Antike zurück. »Minima naturalia« bezeichnet,
vereinfacht gesagt, die Theorie, dass jeder Stoff in jedem existierenden physischen Körper – sei es Mensch, Tier oder Pflanze – nicht unendlich oft geteilt werden kann, ohne seine wesentlichen
Eigenschaften zu verlieren. Der mittelalterliche Philosoph Averroes ging davon aus, dass alle Stoffe ihre je eigenen natürlichen Grundbausteine – »Minima naturalia« – haben, die sich durch ihre
Eigenarten voneinander unterscheiden und erst in ihrem Zusammenspiel die spezifischen Eigenschaften eines jeden Stoffes ausmachen.
Die Grundbausteine der Welt also. Das geheime Gerüst der Natur. Der Kern in allem, was wir sehen. Elemente, die zusammen das Wesen der Dinge ausmachen und dadurch erst zu dem werden, was wir als
Welt wahrnehmen. Grundlegende kleinste Einheiten in allem, was uns umgibt, und an denen nicht zu rütteln ist.
Diese kleinsten Einheiten kann man nicht sehen, nur schwer benennen und kaum begreifen. Aber sie bringen Ordnung und damit Klarheit und Harmonie in die unüberschaubare Vielfalt der Natur. Sie
lassen uns spüren, dass alles mit allem zusammenhängt – auch wenn wir es oft mehr ahnen als verstehen. Wir alle, und alle Dinge, die uns umgeben, sind aus den gleichen Grundbausteinen aufgebaut.
Nur das Mischungsverhältnis ist jeweils ein anderes.
An diese Ordnung und diese Zusammenhänge musste ich denken, als ich die Werke von Akkela Dienstbier sah. Viele Künstlerinnen und Künstler setzen sich mit dem Thema Natur auseinander. Schon seit
Jahrhunderten tun sie das, und sie tun es bis heute – erst recht, seit uns die Zerbrechlichkeit unserer eigenen Existenz angesichts der schnell fortschreitenden Naturzerstörung bewusst geworden
ist. Aber in den Arbeiten von Akkela Dienstbier gibt es neben dieser existenziellen Dringlichkeit eine besondere Klarheit, die ins Auge springt und die unter zeitgenössischen Künstlerinnen und
Künstlern – so kommt es mir jedenfalls vor – selten geworden ist.
Dabei ist die Vielfalt an Materialien und Techniken im künstlerischen Werk von Akkela Dienstbier bemerkenswert: Papier und Textilien, Farben und Metalldraht, Landkarten, Bücher, Fotografien,
getrocknete Pflanzen, Erde, Asche, ein in Einzelteile zerlegter Bilderrahmen. Sie malt, zeichnet, fotografiert, schneidet, klebt, stickt, umwickelt – der experimentelle Möglichkeitsraum des
künstlerischen Erforschens und Ausprobierens von Akkela Dienstbier scheint unendlich zu sein. Jedes Werk ist eine Überraschung und zeigt uns, was alles möglich ist. Trotzdem weist ihr Schaffen
eine bemerkenswerte Stringenz auf. Sie verliert sich nicht in all der Vielfalt. Im Gegenteil: Sie findet sich. Und damit findet sie auch einen eigenen Zugang zur Natur und deren kleinsten
Einheiten – einem Zweig, einem Blatt, einem Samenkorn. Diese kleinsten Einheiten nehmen in ihrem Werk einen großen Platz ein. Das, was wir oft übersehen, wird sichtbar gemacht.
Natur ist beides – unermesslich groß und unermesslich klein. Was wir »Landschaft« nennen, ist ein nahezu unendlicher Raum, weil er den Himmel über der Erde mit einschließt, wie wir es ja auf den
Bildern von Fritz und Hermine Overbeck immer wieder sehen können. Aber diese Landschaft gibt es eben nur, weil unzählige kleine und kleinste Einheiten zusammenkommen – Äste und Zweige, Grashalme
und Wassertropfen, Samenkörner und Blütenblätter. Wir müssen Natur aus dieser doppelten Perspektive betrachten – mit gebührendem Abstand und ganz, ganz nah –, damit wir sie überhaupt erfassen
können.
Das tut Akkela Dienstbier in ihrer Werkserie »Stadt, Wald, Fluss«, in der sie Landschaft einerseits als Landkarte darstellt, also aus der abstrahierten Vogelperspektive, und andererseits Bäume so
präzise zeichnet, dass wir meinen, die Hand an den Stamm legen zu können, um die Rinde zu spüren. Beides zusammen auf einem Blatt ist eigentlich ein Widerspruch für unsere Wahrnehmung und wirkt
doch harmonisch und stimmig, weil wir intuitiv begreifen, dass beides zusammengehört.
Mehrfach arbeitet Akkela Dienstbier in den Werken dieser Ausstellung mit dem Kontrast von Landkarte und Detail. Auch die Serie »Wasserfluten«, deren Kartenausschnitte die schweren
Überschwemmungen des letzten Winters in Bremen und Umgebung zeigen, erhält eine zweite Dimension durch mit Nadel und Faden aufgestickte Blumen. Durch diesen Kontrast geschieht zweierlei: Wir
sehen das Ausmaß der Katastrophe in großem Maßstab – und wir sehen die kleinen, zarten Pflanzen, die damals unter den Wasserfluten begraben wurden.
Und noch etwas leisten diese Werke: Wir sehen die Natur – und wir sehen den Eingriff des Menschen in die Natur. Schon das Kartenmaterial, das Akkela Dienstbier verwendet, macht den Eingriff des
Menschen deutlich – die schnurgeraden Linien, die Straßen, Gebäude oder Begrenzungen markieren. Nur der Mensch wählt zur Gestaltung der Natur derart einfallslose gerade Linien. Die Natur findet
andere, verschlungenere Wege. Und spätestens in den vertrauten Karten Bremens, auf denen die überfluteten Gebiete eingezeichnet sind, werden die Folgen des menschlichen Handels deutlich.
Begradigte Flüsse, versiegelte Flächen, Anstieg des Meeresspiegels durch Klimaerwärmung – Überflutungen sind heute in der Regel keine reinen Naturkatastrophen mehr. Sie sind menschliche
Katastrophen. Unser Umgang mit der Natur ist eine Katastrophe.
Es behagt mir eigentlich nicht, vom Verhältnis zwischen Mensch und Natur zu sprechen. Diese Trennung ist eine Illusion, in der wir es uns gemütlich gemacht haben. Als könnten wir einen Schritt
zurücktreten und das Spektakel aus sicherer Entfernung betrachten. Das können wir aber nicht, denn der Mensch ist Natur. Nicht anders und nicht weniger als jede Pflanze, jeder Fluss, jedes Tier
auf diesem Planeten. Wir sind mittendrin, und die überwältigende Vielfalt im Werk von Akkela Dienstbier spiegelt die noch viel überwältigendere Vielfalt der Natur.
Vielfältigkeit ist die tiefste Wahrheit des Lebens, schreibt der italienische Philosoph Emanuele Coccia. Es ist also Unsinn, wenn wir von einem Leben oder einer Welt im Singular sprechen. Die
Welt ist so voller Leben, dass sie nur als Plural gedacht werden kann. Unzählige Leben und unzählige Welten umgeben uns. Und wir können uns selbst nur verstehen, wenn wir begreifen, dass wir
nicht mehr als ein vorübergehender, in ständiger Veränderung begriffener, winzig kleiner Teil dieser Vielfalt sind. Eines der vielen, vielen Minima dieser Welt. Nicht mehr und nicht
weniger.
Und nicht mal das. Denn wir sind nicht wir selbst, keine Einheit, die sich von anderen unterscheiden und abgrenzen könnte. Wir sind von Geburt an zusammengesetzt aus anderem und anderen. Jedes
Molekül in mir stammt ursprünglich aus einem anderen Körper, erinnert uns die amerikanische Biologin und Naturphilosophin Robin Wall Kimmerer. Wir sind nur eine Durchgangsstation für Moleküle,
die seit dem Urknall in der Welt unterwegs sind – mal in dieser, mal in jener Form. Wir sind kein Endergebnis, sondern eine Zwischenstufe. Jeder einzelne Körper ist eine Reise, die gerade
stattfindet – formuliert Emanuele Coccia und stellt damit alles auf den Kopf, was wir von uns zu wissen glaubten. Wir sind nichts, das man festhalten oder besitzen könnte oder womöglich gegen
andere verteidigen muss. Wir sind eine Reise.
Auf diese Reise können Sie sich in den Kunstwerken von Akkela Dienstbier begeben. In den Landkarten, mit denen sie arbeitet, aber auch in der fotografischen Serie »Wunderwald«, deren Bäume in
Bewegung zu sein scheinen, als ob man gerade an ihnen vorbei führe und sie dabei aus dem Augenwinkel sieht. Und auch hier fügt die Künstlerin wieder etwas Eigenes hinzu, sie unterstützt und
begleitet die Schönheit der Bäume durch feine Stickereien.
Akkela Dienstbier arbeitet mit der Natur zusammen. Sie hat verstanden, dass ihr als Künstlerin gar nichts anders übrig bleibt. Mit der Schöpfungskraft der Natur zu konkurrieren, hat keinen Zweck.
Da würden wir Menschen immer den Kürzeren ziehen. Neben solcher Pracht ist doch die ganze Malerei ein elendes Stückwerk, man selbst ein jämmerlicher Stümper, schreibt Fritz Overbeck 1896
kleinlaut an seine Verlobte. Das stimmt. Aber das heißt nicht, dass wir Menschen nicht schöpferisch sein dürften. Wir sind ja auch Natur – wir dürfen Dinge erschaffen, müssen es sogar. Das gehört
zu unserem Wesen.
Fritz Overbeck hat also kein Recht auf Kleinmut, und deshalb geigt ihm seine Verlobte Hermine Rohte auch gleich die Meinung und schreibt zurück: Es ist doch nicht die Kopie der Natur, die ein
Kunstwerk ausmacht, [sondern] der Menschengeist, das Stück seines eigenen Seins, das der Künstler hineinlegt. Das weiß auch Akkela Dienstbier. Sie arbeitet mit der Natur zusammen, um beides zu
zeigen: ein Stück von der Natur und ein Stück von sich selbst. Sie begleitet die Natur mit ihrer einfühlsamen Arbeit, aber die Natur begleitet auch sie und führt sie zu neuen Sichtweisen und
Kunstwerken.
Woher kommt überhaupt unser Hochmut zu glauben, dass wir den Pflanzen überlegen seien? Das Hämoglobin, das in unserem Körper den Sauerstoff transportiert, unterscheidet sich nur durch ein oder
zwei Atome von Chlorophyll, mahnt Robin Wall Kimmerer. Ein oder zwei Atome, die uns zum Menschen machen. Was im Übrigen kein Hauptgewinn in der Evolutions-Lotterie ist. Pflanzen können aufgrund
ihres Chlorophylls Sauerstoff produzieren und damit eine Atmosphäre erschaffen, die alles Leben auf diesem Planeten ermöglicht. Das können wir mit unserem Hämoglobin nicht. Die Pflanzen können
ganz wunderbar ohne uns leben, wir ohne die Pflanzen nicht – an dieser Wahrheit kommen wir nicht vorbei.
Wenn überhaupt, sind uns also die Pflanzen überlegen. Die Welt ist vor allem das, was die Pflanzen daraus zu machen wussten, schreibt Emanuele Coccia zu Recht, und die Wissenschaftsautorin Zoë
Schlanger ergänzt: Wir sind aus Glukose gemacht, die von Pflanzen erschaffen wurde. Jeder Gedanke, der Ihnen durch den Kopf geht, wurde von Pflanzen ermöglicht.
Wir sind es gewöhnt, die Natur als etwas zu betrachten, mit dem wir umgehen. Das wir bewundern oder verändern, erforschen oder ausbeuten, gestalten oder essen können. Was wir immer noch viel zu
wenig begreifen: Dass wir diesem wilden, vielfältigen, lebendigen Kosmos der Natur nicht gegenüberstehen. Sondern dass wir mittendrin sind. Ein Teil davon, und zwar buchstäblich.
Eigentlich stammen wir alle von einem Bakterium ab, das vor etwa drei Milliarden Jahren gelebt hat. Sein Name ist LUCA: Last Universal Common Ancestor, der letzte universelle gemeinsame Vorfahre
der gesamten heutigen Welt – so erklärt es der Physiker und Naturphilosoph Marcelo Gleiser. Atmen Sie mal kurz durch und lassen Sie das sacken. Nicht nur sind wir alle schon seit drei Milliarden
Jahren miteinander verwandt, sondern wir sind ebenso sehr verwandt mit allen Tieren, allen Pflanzen und allen Gegenständen, die uns umgeben, denn so gut wie alles, was wir produzieren, ist
letzten Endes aus pflanzlichen und tierischen Stoffen gemacht. Wir alle waren einmal eins in diesem Bakterium, das unser gemeinsamer Vorfahre ist. Das Einzige, was uns voneinander unterscheidet,
ist ein langer und oftmals zufälliger Prozess namens Evolution. Kaum sechshundert Millionen Jahre, damit aus dem Schwamm ein Homo Sapiens wird, so salopp formuliert es der französische Philosoph
Baptiste Morizot. Was uns vom Schwamm unterscheidet, ist also im Grunde nur die Zeit – eine gigantische Zeitspanne zwar, aber sonst nichts. Gebt der Erde weitere sechshundert Millionen Jahre, und
wer weiß, was aus uns werden wird? Wenn wir uns diesen Gedanken erlauben, ist es umso trauriger, dass wir mit unserer Lebensweise uns selbst und allen anderen Arten auf diesem Planeten genau das
nehmen: Zeit. Zeit und Raum, sich zu entwickeln, über Jahrtausende und Jahrmillionen hinweg. Wir sind ja nicht nur die Nachfahren eines kleinen Bakteriums von vor drei Milliarden Jahren, sondern
wir sind auch die Vorfahren aller Arten, die nach uns kommen. Allerdings sind wir, wie Baptiste Morizot schreibt, ein schmerzhaft unvollkommener Entwurf. Würde es uns gelingen, der Zukunft wieder
mehr Raum zu geben, der Evolution mehr Zeit zu verschaffen – wer weiß: Vielleicht würden sich auf natürlichem Wege Arten entwickeln, die besser und einfühlsamer mit der Welt umgehen als wir es zu
unserer Zeit geschafft haben.
All diese Zusammenhänge sind schwer zu begreifen, weil sie Entwicklungen und Zeiträume umfassen, die wir uns in unserem begrenzten, kurzen Leben nicht mal annähernd vorstellen können. Unser
Verstand kapituliert vor diesen Dimensionen. Was sollen wir also machen? Wer kann uns helfen, diese gewaltige Komplexität der Natur zu verstehen? Die Wissenschaft natürlich, aber auch sie stößt
immer wieder an ihre Grenzen.
Wir können die Kunst um Rat fragen. Warum die Welt nicht durch Schönheit begreifen lernen? fragt die hawaiianische Philosophin Manulani Aluli Meyer. Auf Schönheit antwortet nicht nur unser
Verstand, sondern auch unser Herz und unser ganzer Körper. Eine doppelte und dreifache Chance also, etwas zu erspüren und zu begreifen. Sie kennen das alle, und ich bin mir fast sicher, dass Sie
es auch gleich in dieser Ausstellung erleben werden: Sie biegen um die Ecke, sehen ein Kunstwerk, das Sie spontan als schön empfinden. Das Ihnen besonders gut gefällt. Sofort schlägt ihr Herz
etwas schneller, sie atmen unwillkürlich ein, um all ihren Sinnesorganen noch mehr Sauerstoff zukommen zu lassen, um noch wacher und aufnahmebereiter zu werden für diese Schönheit. Dann bleiben
Sie stehen, atmen vielleicht tief aus und die Muskeln entspannen sich, weil die Schönheit sie wärmt und Ihnen ein Gefühl von Angekommensein gibt. Wir können nicht anders – wir sehen, fühlen und
denken mit dem ganzen Körper. Überlassen Sie sich diesem Prozess ruhig, er ist wunderbar.
Denn dies ist nicht nur eine Ausstellung zum Thema Natur, es ist auch eine Ausstellung zum Thema Schönheit. Ein Wort, das wir ständig verwenden, ohne es definieren zu können. Was ist schön? Natur
ist schön, oft atemberaubend und unfassbar schön. Kaum jemand würde das bestreiten. Aber was macht die Schönheit der Natur aus? Schönheit ist ja doch etwas völlig anderes, als wenn wir etwas
hübsch finden. Schönheit ist eine Weise, eine Form zu bewohnen, schreibt Baptiste Morizot. Wenn wir uns selbst ganz und gar ausfüllen, uns vorbehaltlos bewohnen, dann sind wir schön. Und deshalb
ist auch Natur schön. Weil sie keine Vorbehalte sich selbst gegenüber kennt. Weil jede Form ganz und gar mit Leben gefüllt ist, ohne danach zu fragen, wer sich daran erfreut.
Was können wir Menschen mit dieser Schönheit anfangen? Ist es uns nur gegeben, sie zu zerstören, wie wir es im Moment pausenlos und allerorten tun, oder können wir ihr auch etwas hinzufügen? Ist
es möglich, ein Kunstwerk zu schaffen, in dem die Einzigartigkeit des Menschen und die Einzigartigkeit der ihn umgebenden Natur zu gleichen Teilen sichtbar werden?
Seit ich das Werk von Akkela Dienstbier kenne, glaube ich diese Frage mit ja beantworten zu können. Ihre Zusammenarbeit mit der Natur findet auf Augenhöhe statt. Aufmerksam und liebevoll zeichnet
sie einen Ast in allen seinen überraschenden Richtungen und Winkeln und verwandelt diese Zeichnung mit viel Geduld und Präzision in einen Scherenschnitt und zeigt uns nun diesen Scherenschnitt
gerahmt in der Ausstellung. Form und Gestalt sind natürlich, Material und Entstehungsweise sind menschengemacht. Beides wirkt zusammen, damit wir sehen können, was für ein Kunstwerk dieses
Papierobjekt ist, aber auch, was für ein Kunstwerk der Natur ein solcher Ast ist. »Warten auf Erfüllung« heißt die Arbeit, und das bezieht sich nicht nur auf den kahlen Ast, an dem wir die
prallen Knospen schon sehen können. Es bezieht sich auch auf die künstlerische Arbeit selbst und überhaupt auf jedes menschliche Tun: Wir können so vieles in unsere eigenen Hände nehmen und
machen, aufmerksam, zugewandt, geduldig, präzise und liebevoll, und das sollten wir auch tun. Am Ende aber warten auch wir auf Erfüllung. Um uns ganz glücklich zu machen und auszufüllen, muss
etwas von außen hinzukommen, ein Stück Natur, etwas, das wir nicht kontrollieren können.
In dieser Ausstellung geht es – neben den Themen Natur und Mensch – für mein Empfinden ganz zentral auch um den ästhetischen Genuss, um die Freude an der Schönheit. Das hat uns geleitet bei der
Zusammenstellung der Werke. Wo klopft mein Herz besonders vor Freude, wenn diese Arbeit von Akkela Dienstbier neben jener von Fritz oder Hermine Overbeck zu hängen kommt? Dabei sehen Sie übrigens
– nicht zufällig – auch etliche unfertige Werke der Overbecks. Das Unfertige hat seine ganz eigene Schönheit – nicht zuletzt in der klassischen japanischen Kunst wird das deutlich. Nur
Ausschnitte werden gezeigt, nie etwas Ganzes, weil Vollkommenheit nur entsteht, wenn die Leere Gewicht erhält, schreibt Marion Poschmann in ihrer Essaysammlung mit dem wunderbaren Titel
»Mondbetrachtungen in mondloser Nacht«.
Vollkommenheit entsteht, wenn die Leere Gewicht erhält. In diesen Zeiten, in denen unsere Häuser und Wohnungen, unsere Computer und Smartphones, unser Kopf und unser Herz übervoll sind, dürfen
Sie da mal eine Weile drüber nachdenken. Vollkommenheit entsteht, wenn die Leere Gewicht erhält. Auch das macht Schönheit aus: die Kunst des Weglassens. Dass es freie Flächen gibt, auf denen sich
unser Auge erholen kann. Freiräume, in denen unsere Fantasie spielen darf.
Dürfen wir uns am Schönen freuen in diesen bedrückenden Zeiten? Wir müssen! Wir haben kaum noch eine andere Möglichkeit, um die Welt zu begreifen und vor allem: zu verändern.
Angesichts des Schönen ist dem Denken nicht zu helfen, schreibt Marion Poschmann. Aber vielleicht hilft das Schöne dem Denken ja doch auf die Sprünge. Rüttelt es wach. Schubst es in neue
Richtungen. Marion Poschmann hat zwar recht: Angesichts von Schönheit kommt das Denken nicht hinterher. Aber das macht nichts. Lassen Sie den Genuss ruhig vorauseilen. Das Denken wird schon
aufholen irgendwann. Es wird sich anstrengen, um den Anschluss nicht zu verlieren, und diese Anstrengung tut ihm ganz gut.
Denn auch beim Denken darf es natürlich nicht bleiben. Diese Welt schreit nach Veränderung. Nach schöpferischer, liebevoller, guter Veränderung. Kunst macht uns vor, wie das geht. Kunst ist der
Wunsch nach Verwandlung, schreibt Emanuele Coccia. Hier in dieser Ausstellung, in den Kunstwerken von Akkela Dienstbier und von Fritz und Hermine Overbeck, sehen wir die Sehnsucht nach
Veränderung vor uns, die auch uns im Innersten bewegt. Das »Warten auf Erfüllung« ist eben nicht nur ein Warten, es ist auch ein Tun. Voller Beharrlichkeit und Zuversicht halten wir daran fest,
dass Veränderung zum Guten möglich ist, auch wenn wir kaum noch daran zu glauben vermögen. Die Natur macht es ja – und in diesen Frühlingstagen besonders – vor, wie aus kahlen, scheinbar toten
Ästen neues Leben entstehen kann. Und auch die Kunst macht es vor, wie aus dem Nichts – aus Fantasie und nahezu jedem beliebigen Material – pure Schönheit entstehen kann. Diese Erfahrungen sind
unsere Gebrauchsanweisung fürs Leben. So wollen wir unseren Alltag und unsere Gesellschaft gestalten – Veränderung liebend, wie es der antike Dichter Ovid formuliert hat. Er schrieb vor 2.000
Jahren – und das ist ja noch so ein Zeitraum, den wir nicht begreifen:
Keines verbleibt in derselben Gestalt, und Veränderung liebend
Schafft die Natur stets neu aus anderen andere Formen
Und in der Weite der Welt geht nichts verloren;
Wechsel und Tausch ist nur in der Form. Entstehen und Werden
Heißt nur, anders als sonst anfangen zu sein, und Vergehen:
Nicht mehr sein wie zuvor.
Nehmen sie diese Worte mit, als Trost und als Ansporn: In der Weite der Welt geht nichts verloren.
Freuen Sie sich jetzt mit allen Sinnen an den Werken von Akkela Dienstbier, Fritz Overbeck und Hermine Overbeck-Rohte. Lassen Sie dabei die Wahrheit in ihr Leben, dass wir ein kleiner,
verletzlicher, aber auch schöpferischer Teil der Natur sind, genau wie jeder Bachlauf, jede Pflanze und jedes Insekt auf diesem Planeten. Und lassen Sie sich von den Kunstwerken dazu ermutigen,
das zu tun, was uns die Natur jeden Tag aufs Neue vormacht: anders als sonst anfangen zu sein. Nicht mehr sein wie zuvor.






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