EIN PAAR WORTE ZU TOMATENSUPPE UND KARTOFFELBREI IN MUSEEN

Auszug der Rede zur Eröffnung der Ausstellung »Landschaft als Experiment« am 27. November 2022 im Overbeck-Museum, gehalten von Dr. Katja Pourshirazi:


»Ich möchte an dieser Stelle ein paar Worte zu Tomatensuppe und Kartoffelbrei in Museen, genauer gesagt: auf Gemälden, verlieren – ein Thema, das in den letzten Wochen ja viele umgetrieben hat. Von mir als Museumsleiterin wird wahrscheinlich erwartet, dass ich mich darüber empöre. Und natürlich würde es mir das Herz brechen, unseren schönen „Abend im Moor“ mit Tomatensuppe beschmiert zu sehen. Aber es bricht mir auch das Herz, dass es die Natur, so wie Fritz Overbeck sie in diesem und in vielen anderen Bildern gemalt hat, bald gar nicht mehr gibt. Und dass wir trotzdem noch immer so tun, als könnten wir erst alle anderen Probleme lösen und uns dann der Natur zuwenden – weil Natur ja irgendwie „immer da ist“ und immer schon da war und also warten kann. Nein, das kann sie nicht! Die Natur wartet nicht auf unsere Ignoranz und unsere Dummheit, auf unsere Trägheit und unsere Bequemlichkeit. Ein beschmiertes Gemälde löst diese Probleme nicht, das weiß ich. Aber ein beschmiertes Gemälde drückt vielleicht doch adäquat die Verzweiflung aus, die junge Menschen empfinden, die noch ein halbes Jahrhundert oder länger auf dieser zerstörten Erde zurechtkommen müssen, mit allen Bedrohungslagen, die erst noch auftreten werden, und die nicht gehört, nicht ernstgenommen und mit ihren Belangen von der Politik nicht repräsentiert werden. Fünfzig Jahre ist der erste Bericht des „Club of Rome“ alt, ein dickes Buch, das den Titel „Die Grenzen des Wachstums“ trägt und umfassend, eindringlich und wissenschaftlich belegt all das beschreibt, was jetzt eingetreten ist. Fünfzig Jahre! Seit 1972 können wir nicht mehr sagen, wir hätten von nichts gewusst. Was haben wir mit diesem Wissen gemacht? Warum haben wir unser Leben einfach weitergelebt, als Kinder und Jugendliche anfingen die Schule zu bestreiken, weil sie Angst um ihre Zukunft hatten? Wenn das alles nicht ausreicht: die internationalen Apelle und Forschungsberichte, die Konferenzen und Tagungen, bei denen nichts herauskommt, wie jetzt wieder in Scharm el-Scheich, die weltweiten Streiks und Demonstrationen – wenn das alles nicht reicht, was soll man dann tun? Wenn man einfach nicht mehr weiß, wie man noch auf das mehr als Offensichtliche aufmerksam machen soll: dass wir nämlich viel mehr und ganz anders handeln müssen als bisher. Jetzt. Nicht gleich und nicht demnächst und nicht irgendwann.

 

Diese jungen Menschen werfen nicht mit Kartoffelbrei auf ein Gemälde, weil ihnen die Kunst egal wäre – im Gegenteil. Sie tun es, weil sie den Wert der Kunst
kennen und begreifen, und weil sie uns zeigen wollen, wie schmerzhaft es sich anfühlt, wenn etwas, das wir alle wertschätzen, bedroht ist. Zum Beispiel ein
berühmtes Gemälde. Oder die Natur.

 

Tomatensuppe auf einem Gemälde (und übrigens sind die Demonstrierenden sogar noch so gut erzogen, dass sie bewusst Gemälde auswählen, die durch eine Glasscheibe geschützt sind – sie wollen also eben nicht zerstören, sondern nur Aufmerksamkeit erzeugen) – Tomatensuppe auf einem Gemälde ist kein Akt des Terrorismus. Die Demonstranten greifen keine Menschen an, und sie entziehen sich einer Bestrafung nicht, sondern erkennen den Rechtsstaat an, indem sie am Tatort bleiben, um sich festnehmen zu lassen. Das ist ein Akt des zivilen Ungehorsams. Zu zivilem Ungehorsam greifen Menschen immer dann, wenn ihnen das Allerwichtigste – Leben, Freiheit, Demokratie – vorenthalten wird. Ob im Iran, wo der Staat gewaltsam gegen die mutigen Frauen und Männer vorgeht, die Freiheit als Lebensgrundlage einfordern, oder hier in Deutschland, wo der Staat zum Glück menschlich mit jenen umgeht, die doch nur fordern, dass ihnen die  Lebensgrundlage – ein bewohnbarer Planet – nicht entzogen wird.

 

Nein, Vandalismus in Museen ist keine Lösung. Aber mein Kopf kann mir das noch so oft sagen – mein Herz teilt trotzdem das Anliegen dieser mutigen und verzweifelten Menschen, die sich ratlos an Kunstwerken vergreifen, weil sie nicht wissen, wie sie sich anders noch Gehör verschaffen können. Ich teile ihr Anliegen, weil ich große Angst habe, dass schon die übernächste Generation solche Bilder wie die von Fritz und Hermine Overbeck gar nicht mehr wird malen können – weil es diese Motive ganz einfach nicht mehr geben wird. Ist das nicht der größere Vandalismus und der unendlich viel größere Verlust?

 

Ich möchte Ihnen mit diesen Worten nicht die Freude an der Kunst nehmen, ganz im Gegenteil. Ich wünsche mir, dass, wenn Sie gleich durch die Ausstellung gehen und die Bilder von Frauke Beeck und von Fritz und Hermine Overbeck betrachten, den Wert dieser Kunst nicht nur in der Schönheit, Einzigartigkeit und in dem hohen Preis, den die Werke auf dem Kunstmarkt erzielen, erkennen, sondern auch in der Landschaft, die auf diesen Bildern dargestellt ist. Unersetzlich ist nicht nur das wertvolle Gemälde an der Wand. Unersetzlich ist auch die Natur, die es zeigt. Lassen Sie uns gemeinsam dafür einstehen, dass das Experiment, das wir Menschen mit der Landschaft anstellen, nicht misslingt.«


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